«Wir müssen die Seele des Freeridens bewahren»: Das ist der Extremsportler, der im Tiefschnee zu Hause ist

Martin Bender fuhr an der World Freeride Tour den zweiten Platz. Seine Leidenschaft hat er zum Beruf gemacht. Bild: Elizabeth Desintaputri / CH Media

Martin Bender ist einer der besten Freerider der Welt. Dass die gefährliche Sportart bald zur olympischen Disziplin werden könnte, stimmt ihn hoffnungsvoll und zugleich skeptisch.

Robin Walz, Martigny


Daunenjacke, lange Haare und eine Mütze mit einem kleinen Riss. Sein Äusseres verrät schon einiges darüber, wie Martin Bender tickt. Er ist ein lockerer, unkomplizierter Typ, der das Leben einfach geniesst. Dass hinter diesem Menschen, der am Wochenende gerne die Heimspiele des FC Sion im Stadion verfolgt, auch ein Extremsportler steckt, ist auf den ersten Blick aber nicht erkennbar.

Nach dem Treffen in seinem Heimatort Martigny wird Bender mit dem Zug nach Verbier fahren. Dort wird er, wie die meisten anderen Skifahrer, die Gondel bergwärts nehmen. Doch anstatt gemütlich die präparierten Pisten zu befahren, wird er im Tiefschnee den steilen Hang hinunterziehen, über Felsen springen und dabei Tricks wie einen 360 hinlegen.

Bender wird bei Weitem nicht der einzige Tiefschneefahrer sein. Denn Verbier ist gemeinhin als Freeride-Paradies bekannt. Auf sieben markierten und gesicherten, aber nicht präparierten Strecken finden jene Wintersportler ihren Kick, denen es auf den normalen Pisten zu langweilig ist.

Doch das Niveau, auf welchem Bender fährt, ist anders. An der Freeride World Tour, also der saisonalen Rennserie, wurde der erst 21-Jährige in der vergangenen Saison Zweiter. In anderen Worten: Der Walliser ist aktuell der zweitbeste Ski-Freerider der Welt.

Der Kampf gegen den unbezwingbaren Stein

Wer freeridet, begibt sich auf riskantes Terrain. Selbst für Profis wie Bender kann das Freeriden gefährlich sein, vor allem bei den Trainings. «Wenn wir trainieren, sind wir auf uns allein gestellt. Da gehen wir mehr Risiken ein als bei den Wettkämpfen, wo Experten vor Ort sind, um im Notfall Hilfe zu leisten», sagt Bender.

Die wohl bekannteste Gefahr, mit der man die Sportart in Verbindung bringt, sind Lawinen, die abseits der Pisten lauern. Für Bender besteht das grösste Risiko aber darin, nach einem Sturz auf einen Stein zu fallen. «Oft gewinnt man gegen einen Stein nicht, denn der ist ziemlich hart», sagt Bender und lacht. Besonders zu Beginn der Saison, wenn es noch nicht viel Schnee hat, sei besonders Vorsicht geboten.

Seit er zwei Jahre alt ist, steht Martin Bender auf den Ski. Bild: Elizabeth Desintaputri / CH Media

Um die Gefahren möglichst einzudämmen, trifft Bender präventive Sicherheitsvorkehrungen. Bevor er sich mit seinen Kumpels auf die Ski begibt, studiert er die Wetterberichte, um die Sichtverhältnisse einschätzen zu können. Ausserdem überprüft er die Lawinenwarnungen. Auf dieser Basis legt er dann seine Route fest.

Weiter nimmt Bender regelmässig an Sicherheitskursen von lokalen Bergführern teil. Hier erhält er zusätzliche Informationen, um Unfälle und Lawinen zu vermeiden. Auch Notfallszenarien werden trainiert, sollte man doch irgendwann in eine Lawine geraten oder bei einem Unfall Erste Hilfe leisten müssen. «Wir versuchen uns darauf vorzubereiten, dass wir in einem solchen Fall die richtigen Reflexe haben und sofort Massnahmen ergreifen können», sagt Bender.

Wichtig ist deshalb auch, dass die Freerider die entsprechende Schutzausrüstung auf sich tragen. Neben Schutzbrillen und Helmen sind das etwa LVS-Geräte oder Lawinensonden, die zur Ortung von verschütteten Personen dienen. Auch Lawinenschaufeln oder Airbag-Rucksäcke – die man im Falle einer Lawine ziehen kann und so an der Oberfläche bleibt – gehören zur Ausrüstung von Freeridern.

Trotz lauernder Gefahren ist Bender, mit Ausnahme einiger Gehirnerschütterungen, bisher glimpflich davongekommen. Das Freeriden ist für ihn inzwischen nicht mehr von seinem Alltag wegzudenken. «Ich liebe das Adrenalin», sagt er.

«Neben der Piste machte es einfach mehr Spass»

Wo hat diese Leidenschaft ihren Ursprung? Bender stand das erste Mal mit zwei Jahren auf den Ski. «Meine Eltern sahen, dass ich recht gut laufen konnte. Weil sie am Wochenende selber Skifahren wollten, nahmen sie mich mit. Das erleichterte ihnen die Planung.»

Schon seine Eltern mochten es, im Neuschnee einige Schwünge zu machen. Also durfte er auch dort mit. Inspiriert von YouTube-Videos begann er später, mit seinem älteren Bruder die ersten kleineren Sprünge im Tiefschnee auszuprobieren. «Neben der Piste machte es einfach mehr Spass», sagt Bender.

Steine, Lawinen, Stürze: Martin Bender übt eine Sportart aus, die mit vielen Gefahren einhergeht. Deshalb sind Sicherheitsvorkehrungen zwingend. Bild: Dom Daher

Aus Respekt vor dem neuen, nicht ungefährlichen Hobby melden die Eltern ihre beiden Söhne im Freeride Club Verbier an. Dort sollen sie von erfahrenen Skilehrern betreut werden. Dort realisiert Bender auch, dass es sich beim Freeride um eine offizielle Sportart handelt, bei welcher man an Wettbewerben teilnehmen kann. Ein alpines Skirennen wird Bender nie bestreiten. Zu gross ist die Begeisterung für das Tiefschneefahren.

Vom Hobby zum Beruf

Während sein Bruder heute nur noch gelegentlich im Pulverschnee fährt, hat sich Bender im internationalen Freeride einen Namen gemacht. 2022 gewinnt er die World Tour bei den Junioren. Zwei Jahre später wird er in seiner ersten Saison bei der Elite Zehnter, in der Folgesaison Zweiter. Bender ist so durchgestartet, dass er mittlerweile sein zweites Hobby zurückstellen musste: Für das Mountainbiken, wo er bis vor zwei Jahren noch Rennen bestritt, bleibt nur noch wenig Zeit.

Mit diesem Lauf holte sich Martin Bender in Val Thorens den ersten Sieg in einem Rennen der Freeride World Tour. Im Gesamtklassement lag er am Ende auf dem hervorragenden zweiten Platz. Video: YouTube

Der jüngste Freeride-Erfolg hat zwar punkto Preisgeld «nur wenig» eingebracht, dafür hat Bender mehrere Sponsoren angelockt. Viele davon stammen aus der Region, etwa eine Investmentbank oder eine Brauerei, von der sich Bender ab und zu auch gerne mal ein Bier gönnt.

Sie haben ihm ermöglicht, aus dem Hobby einen Beruf zu machen. Zumindest auf dem Papier: Bender, der noch bei seinen Eltern in Martigny lebt, kann sich voll auf das Freeriden konzentrieren, ohne nebenbei arbeiten zu müssen. Das ändert aber nichts daran, dass er das tägliche Training nach wie vor als Hobby empfindet: «Wenn ich auf die Piste gehe, habe ich nicht das Gefühl, dass das Training ist. Ich gehe zum Vergnügen.»

Zunehmende Professionalisierung des Freeridens

Dass sich Sponsoren überhaupt für Freeride interessieren, hängt auch mit der Professionalisierung der Sportart zusammen. Die Freeride World Tour gibt es bereits seit 1996 (nur Snowboard) respektive 2004 (Ski und Snowboard). Seit die saisonale Rennserie aber 2022 vom Internationalen Ski- und Snowboardverband (FIS) – im Rahmen der Bestrebung, alle Schneesportdisziplinen zu vereinheitlichen – übernommen wurde, bekam sie einen spürbaren Marketing-Schub.

Im Februar könnte nun bereits der nächste grosse Schritt erfolgen: Dann entscheidet das Internationale Olympische Komitee, ob Freeride bei den Olympischen Winterspielen 2030 in den französischen Alpen als Disziplin aufgenommen wird.

Eine Sportart, die von Bildern lebt – und mittlerweile auch zahlreiche Sponsoren anlockt. Bild: Dom Daher

Die zunehmende Professionalisierung löst bei Bender gemischte Gefühle aus. Einerseits ist er sich bewusst, dass die Sponsoren seinen Lebensunterhalt ermöglichen. Dazu kommt, dass eine Teilnahme an den Olympischen Spielen natürlich das ultimative Karrierehighlight wäre.

Andererseits blickt Bender mit Vorsicht auf diese Entwicklung. «Man muss die Seele des Freeridens bewahren.» Für Bender bleibt das Freeriden eine Leidenschaft, die man unter Freunden ausübt. Zu viele neue Regulierungen könnten dem ein Dorn im Auge sein. «Wenn wir zu weit gehen und alles zu professionell wird, dann verlieren wir den Spass am Sport, der doch eigentlich das Wesentliche ist», so Bender.

Freeride-WM: Premiere in Andorra

Bevor die Entscheidung rund um die Olympischen Spiele fällt, startet im Januar in den Pyrenäen die sechsteilige Freeride World Tour. Es folgen Veranstaltungen in Frankreich, Georgien und Österreich, bevor die besten Freerider in Alaska und Verbier im Finale um den Sieg fahren.

Hinzu kommen die Freeride-Weltmeisterschaften, die von der FIS neu ins Leben gerufen wurden und im Februar in Andorra ihre Premiere feiern. Bender freut sich über den Wettbewerb in den Pyrenäen, bei welchem der Weltmeister in einem Einzelwettkampf gekürt wird.

Kann Martin Bender, der beste Freerider der Schweiz, das Double holen? «Das wäre natürlich das Mass aller Dinge», sagt der 21-Jährige. Als persönliches Ziel hat er allerdings die Final-Qualifikation in der diesjährigen Freeride World Tour festgelegt, um sich so den Wettbewerbsplatz für die kommende Saison zu sichern. Das ist letztlich auch wichtig, um sichtbar zu bleiben und um seine Sponsoren nicht zu verlieren. Ein Druck, der gemäss Bender auf vielen Freeridern lastet.

Die Selbstzweifel, die ihn in der Vorbereitung begleiteten, sind überwunden: Martin Bender will voll angreifen. Bild: Elizabeth Desintaputri / CH Media

«Ich habe in den letzten Monaten viel nachgedacht. Ich hatte grosse Bedenken, dass ich nicht auf demselben Niveau fahren kann wie bisher», sagt der Vizechampion. «Aber das ist abgeschlossen. Ich denke jetzt nur noch an das, was ich machen will: das Skifahren.»


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Kategorien: Portraits, Sport

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