Am Sonntag startet in Jakarta die Weltmeisterschaft im Kunstturnen. Mit dabei ist Noe Seifert, die grösste Schweizer Hoffnung. Nach den verpassten Medaillen an der EM ist es eine Chance auf Wiedergutmachung.
Robin Walz, Biel
Ein Blick nach links, und man sieht die Tissot-Arena, wo der EHC Biel seine Heimspiele austrägt. Rechts befindet sich das Nationale Leistungszentrum von Swiss Tennis, wo einst Roger Federer ausgebildet wurde. Dazwischen, fast etwas versteckt, steht die temporäre Heimstätte einiger der wohl beweglichsten Schweizer Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern.
Während ihr Trainingszentrum in Magglingen umgebaut wird, findet die Elite der Schweizer Kunstturnerinnen und Kunstturner in Biel Unterschlupf. Hier bereiten sie sich gerade auf die bevorstehende WM vor. Diese findet vom 19. bis 25. Oktober in Jakarta statt.
Mit dabei: Noe Seifert, der aktuell beste Kunstturner der Schweiz. Der vierfache Schweizer Meister im Mehrkampf bewies in den vergangenen Jahren, dass er auch auf internationaler Bühne zur Spitze gehört.

Die letzte WM, die 2023 in Antwerpen über die Bühne ging, beendete er auf dem achten Platz und erzielte dabei das beste Mehrkampf-Resultat eines Schweizers seit 1950. An der EM 2024 in Rimini sicherte sich der 26-jährige Aargauer die Bronzemedaille am Barren. Diesen Frühling an der EM in Leipzig führte er als Zugpferd des Männer-Teams die Schweiz zum sensationellen 2. Platz.
Noe Seifert verpasst die Medaille im letzten Moment
Doch gerade an dieser EM muss Seifert in den Einzelwettbewerben gleich mehrere Dämpfer hinnehmen. Die Quali-Runde im Mehrkampf beendet er noch auf Rang 1, im Final sind die Aussichten auf einen Podestplatz bis zum Schluss intakt. Dann aber verpatzt er den Abgang vom Reck – dem letzten Gerät – und stützt sich mit den Händen am Boden ab. Medaille weg.
Es kommt noch schlimmer. Zwei Tage später leistet er sich auch im Gerätefinal – erneut am Reck – einen fatalen Fehler, der ihm eine weitere Medaille kostet. «Solche Fehler passieren so schnell im Kunstturnen. Da entscheiden Millisekunden», sagt Noe Seifert.

Der Kunstturner erinnert sich an die Zeit nach der EM: «Am Anfang war es nicht einfach. Ich habe mich nicht gut gefühlt.» Mittlerweile sei er mit sich selbst im Reinen. Rückblickend wiegt die Freude über Silber im Teamwettkampf höher als die Enttäuschung über die verpassten Medaillen im Einzel. Der Teamerfolg hat ihm auch geholfen, die persönliche Niederlage rasch zu verarbeiten.
Schweizer Kunstturnen befindet sich im Hoch
Jene Silbermedaille war die Krönung für die Schweizer Kunstturner, die bei internationalen Teamwettkämpfen jüngst überzeugen konnten. Bei der WM 2023 in Antwerpen landete das Männer-Team auf dem fünften Rang und erzielte das beste Teamwettkampf-Resultat seit 1954. Ein Jahr später schloss die Schweiz bei den Olympischen Spielen in Paris mit einem noch besseren Ergebnis auf Platz 7 ab.
Was sind die Gründe für den Erfolg der Schweizer Kunstturn-Equipe? «Entscheidend ist sicher, dass es im zentralen Kern des Kaders seit ein paar Jahren keine gröberen Verletzungen gab», sagt Noe Seifert. «So konnten wir immer gemeinsam trainieren und dadurch das Niveau steigern.»

Claudio Capelli, einer von vier Trainern des Schweizer A-Kaders, sieht strukturelle Veränderungen als ausschlaggebend für den Erfolg. «Vor 15 Jahren hat sich das Turnen in der Schweiz professionalisiert», sagt der ehemalige Nationalkaderturner. Man habe damit angefangen, mehr Wert auf Details zu legen. Als Beispiele nennt er das Forschungsteam, das die Entwicklung des Kunstturnens fördern soll, oder die Physiotherapeuten, die die Athleten während des Trainingsalltages stets begleiten.
Bei den Kunstturnern steht die Mannschaft im Fokus
In der Halle ist es während des Trainings – abgesehen von ein paar Gesprächen unter den Athleten und der Musik im Hintergrund – ruhig. Der Song «Pump It Up», der von den Lautsprechern ertönt, wirkt in diesem Zusammenhang leicht unpassend. Das mag daran liegen, dass der Trainingsstart um neun Uhr morgens für einige zu früh ist. Oder daran, dass man sich gerade von einer intensiven Trainingseinheit vom Vortag erholt.
Entscheidend ist aber ein anderer Grund. In Jakarta findet eine Einzel-WM ohne Teamwettbewerb statt. Das spürt man in der Halle. Coach Capelli erklärt: «Weil es keine Team-WM ist, sind die Emotionen weniger stark und die Athleten pushen sich gegenseitig weniger.» Mit der optimalen Vorbereitung auf die letzte WM in Antwerpen oder die EM in Leipzig sei diese nicht zu vergleichen.
Teamwettkämpfe haben für die Schweizer Kunstturner einen höheren Stellenwert als Einzelwettbewerbe. Das wird auch aus dem Gespräch mit Trainer Capelli deutlich: «Bei uns steht normalerweise die Mannschaft im Fokus.»
Obwohl das bevorstehende Turnier für den Schweizerischen Turnverband (STV) weniger bedeutend ist als eine Team-WM, hat er sich dennoch anspruchsvolle Ziele gesetzt. Bei den Frauen sollen Lena Bickel und Anny Wu den Mehrkampffinal erreichen. Bei den Männern strebt der STV einen Top-12-Rang im Mehrkampffinal sowie mindestens einen Gerätefinal an.
Das ist die Schweizer Vertretung an der WM
Von den fünf EM-Helden in Leipzig nehmen nur drei an der WM in Jakarta teil: Noe Seifert, Florian Langenegger (beide Mehrkampf) und Luca Giubellini (Boden, Pauschenpferd, Sprung). Erstmals an einer WM mit dabei ist der 27-jährige Marco Pfyl (Barren, Reck). Luca Murabito reist als Reservist mit nach Indonesien. Matteo Giubellini und Ian Raubal, die anderen beiden Kunstturner des EM-Silber-Quintetts, verzichteten aus Belastungsgründen auf die WM-Qualifikation. Bei den Frauen vertreten Lena Bickel und Anny Wu (beide Mehrkampf) die Schweiz.
Können die Schweizer Männer, die im Team so harmonieren, auch individuell überzeugen? Noe Seifert und Florian Langenegger konnten sich beide bereits bei der letzten WM für das Mehrkampffinale qualifizieren. Das dürfte auch dieses Jahr wieder möglich sein.

Bei den Einzelgeräten, wo auch Luca Giubellini und Marco Pfyl antreten, ist eine Finalqualifikation schwierig. Die Konkurrenz ist mit Kunstturn-Spezialisten aus den USA, Japan, China und Russland, die wieder dabei sind, gross. «Das ist schon nochmal ein anderes Kaliber als an der EM», sagt Claudio Capelli.
Medaille in Jakarta? «Sehr schwierig»
Seifert ist an diesem Morgen vorwiegend am Barren und am Reck zu sehen – seine beiden Lieblingsdisziplinen. Da er an diesen Geräten schwieriger turnt, widmet er ihnen im Training mehr Zeit. An der WM muss er aber für sein Ziel, das Mehrkampffinale zu erreichen und sich dort zu einem Top-8-Platz zu turnen, in allen sechs Disziplinen überzeugen.
Liegt möglicherweise sogar eine Medaille drin? «Sehr schwierig», sagt Noe Seifert mit Verweis auf die grosse Konkurrenz. Auch sein Umfeld äussert sich im Hinblick auf die Medaillenchancen vorsichtig. «Das sind eher Aussenseiterchancen, aber ich würde ihn sicher zum erweiterten Favoritenkreis zählen», sagt Mitturner Luca Giubellini. Trainer Capelli ergänzt: «Wenn die Konkurrenz patzt, könnte es reichen – aber dafür bräuchte es schon eine Portion Glück.»

Seifert selbst will einen Patzer auf jeden Fall vermeiden. Neben dem Barren stellt er eine Matte auf, fängt an zu schwingen und übt dann den Absprung. Auf einem Bildschirm analysiert er das Element. Jedes Detail ist wichtig, um das Szenario von Leipzig nicht zu wiederholen – egal ob am Barren, am Reck oder in einer anderen Disziplin.
Dass sich seine Medaillenchancen im Mehrkampf in Grenzen halten, spielt keine Rolle. Für Noe Seifert bietet die WM in Jakarta die Möglichkeit, sich vom EM-Rückschlag zu rehabilitieren und zu zeigen, dass er nach wie vor zu den besten Kunstturnern der Welt gehört.
Teile diesen Beitrag:
Die Originalversion dieses Artikels wurde hier veröffentlicht.