Diverse Verletzungen bremsten den Aufstieg von Anny Wu. Nun gehört die 23-jährige Aargauerin zu den besten Kunstturnerinnen des Landes. An der WM in Jakarta will sie ein Zeichen setzen.
Robin Walz, Biel
Anny Wu begibt sich auf den zehn Zentimeter dünnen Schwebebalken. Sie beugt die Knie und setzt zu einer eleganten Drehung an, verliert dabei jedoch das Gleichgewicht. Auch beim zweiten Versuch scheitert sie. «Ich kann das nicht», sagt die 23-jährige Aargauerin ihrer Trainerin. Purer Frust.
Am Vortag ist sie gestürzt und hat ihren Fuss angeschlagen. Das spürt sie nun im Training. Ausgerechnet jetzt, nur wenige Tage vor der grossen Kunstturn-Weltmeisterschaft in Jakarta. Hinzu kommt die Nervosität vor dem anstehenden Wettkampf. Doch Anny Wu gibt Entwarnung: «Alles gut. Das sollte kein grosses Problem sein», sagt sie.
Verletzungen waren ausschlaggebend für Erfolg
Anny Wu ist sich Rückschläge gewohnt. 2019, im Alter von nur 16 Jahren, vertritt sie die Schweiz erstmals an einer EM und WM. Schon damals liebäugelt sie mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Paris. Was folgt, ist eine Reihe von Verletzungen, die sie mehrere Monate ausser Gefecht setzen. Im Kunstturnen können solche Unterbrechungen die Athletinnen stark zurückwerfen. Anny Wu nimmt erst drei Jahre nach ihrer EM-Premiere wieder an einem wichtigen internationalen Wettbewerb teil.

Für die Kunstturnerin ist die ungewollte Pause rückblickend fast schon ein Segen. «Die Verletzungen haben mir klargemacht, weshalb ich eigentlich turne.» Das Kunstturnen hatte sich zu einem «normalen» und «monotonen» Teil ihres Alltags entwickelt. Erst als sie der Turnhalle gezwungenermassen fernbleiben muss, merkt sie, was ihr eigentlich fehlt. «Wenn ich am Abend todmüde bin, dann fühle ich mich gut», sagt Anny Wu. Diese Erkenntnis ist der entscheidende Moment, der ihre Trainingseinstellung zum Positiven verändert.
Das zeigt Wirkung. Anny Wu rappelt sich nach ihrer Rückkehr auf. 2023 holt sie sich an den Schweizer Meisterschaften ihre ersten Medaillen – Gold am Stufenbarren, Bronze am Boden. Im Folgejahr reicht es am Stufenbarren nur für Rang zwei, dafür knackt sie im Mehrkampf die 50-Punkte-Marke und sichert auch dort die Silbermedaille. Spätestens dann ist klar: Die Aargauerin gehört zu den besten Kunstturnerinnen des Landes.

Für die Olympischen Spiele in Paris 2024 reicht es nicht. Dafür kann sie an der EM in Leipzig im vergangenen Frühling ein Zeichen auf internationaler Bühne setzen. Anny Wu gelingt es erstmals, das Mehrkampffinale bei einer Europameisterschaft zu erreichen, welches sie auf dem 16. Platz beendet. Im Mixed-Team, wo sie zusammen mit Noe Seifert – dem Aushängeschild des Schweizer Kunstturnens – turnt, erreicht sie Platz acht.
Seifert findet lobende Worte für Anny Wu: «Sie hat sich in den letzten Jahren körperlich entwickelt und turnt mittlerweile schwieriger. Sie hat grosse Fortschritte gemacht.»

Und Anny Wu? Die Qualifikation für den EM-Final war für die Aargauerin ein «guter Startpunkt». Doch sie hält fest: «Das reicht nicht. Ich weiss, dass ich mein Limit noch nicht erreicht habe.»
Klares Ziel vor Augen: Los Angeles 2028
Die nächste Chance, sich zu beweisen, lässt nicht lange auf sich warten. Vom 19. bis 25. Oktober steigt in Indonesien die Kunstturn-WM. Im Turnzentrum Bern in Biel bereiten sich die Schweizer Kunstturnerinnen und Kunstturner auf den Wettbewerb vor.
Anny Wu betritt die Turnhalle eine Stunde später als die anderen. Sie kommt direkt von einer Vorlesung an der Berner Fachhochschule. Nach einem Zwischenjahr, in welchem die Maturandin den Fokus vollumfänglich aufs Kunstturnen legen konnte und unter anderem die Spitzensport-RS absolvierte, hat sie im September ein Studium in Mechatronik und Systemtechnik begonnen.

Zum Auftakt des Trainings lockert Anny Wu ihren Körper und dehnt sich. Anschliessend arbeitet sie an ihren Elementen – im Sprung, am Boden, am Stufenbarren und auf dem Schwebebalken. Da sie an der WM im Mehrkampf antritt, deckt sie in der Vorbereitung alle vier Disziplinen ab.
Im Sprung will Anny Wu den Yurchenko gestreckt mit anderthalb Schrauben auf die Füsse bringen, was ihr an der EM noch nicht gelungen war. Auch am Barren turnt sie schwieriger. 2025 hat sie daran gearbeitet, den Schwierigkeitsgrad (D-Wert) ihrer Übungen zu erhöhen. Das möchte sie nun an der WM umsetzen.

Das Mehrkampffinale wäre für Anny Wu eine starke Leistung. Für sie selbst spielt die Platzierung aber eine untergeordnete Rolle, der Fokus liegt auf dem D-Wert. Denn sie blickt über die WM hinaus: Gelingt es ihr, die schwierigeren Elemente dauerhaft in ihre Übungen einzubauen, steigen ihre Chancen auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele. «Das ist das grosse Ziel», sagt Anny Wu.
Vier der sechs WM-Teilnehmenden kommen aus dem Aargau
Los Angeles 2028, wo die Elite der Welt turnt – das ist das langfristige Ziel, das Anny Wu antreibt. In Paris war sie bereits dabei, allerdings nur als Zuschauerin, um Teamkollegin Lena Bickel anzufeuern. Das Kribbeln, selbst mitzumachen, war da. Doch die Freude, ihre enge Freundin bei Olympia zu erleben, überwog.
Nun reisen beide Kunstturnerinnen nach Jakarta. Vier Männer komplettieren die Schweizer Delegation, die der Schweizerische Turnverband an die WM schickt. Interessant ist, dass mit Anny Wu, Noe Seifert, Florian Langenegger und Luca Giubellini vier von sechs Kunstturnenden aus dem Kanton Aargau stammen.

Anny Wu selbst wächst in Ennetbaden auf. Sie startet ihre Kunstturn-Karriere im Alter von fünf Jahren beim KuTu Obersiggenthal, der in den vergangenen Jahren so manche gute Kunstturnerin hervorgebracht hat.
Schritt für Schritt nach oben
Seit sie 14 Jahre alt ist, lebt sie in Magglingen, ihre Eltern sind mittlerweile nach Röschenz (BL) gezogen. Den Bezug zum Aargau hat Anny Wu aber nie verloren. «Baden – und damit verbinde ich auch Ennetbaden – ist meine Heimat», sagt Anny Wu. Und fügt hinzu: «Ich bin Aargauerin. Das ist mir schon wichtig.» Auch heute noch vertritt sie den KuTu Obersiggenthal an Wettkämpfen – «mit Stolz», wie sie sagt.

Im Aargau beginnt die Karriere von Anny Wu als kleines Mädchen. Der Weg an die Spitze des Schweizer Kunstturnens war steinig, immer wieder bremsten Rückschläge ihren Aufstieg. Nun ist sie oben angekommen. Und will auch international für Furore sorgen. Schritt für Schritt.
Anny Wu stellt ein Mini-Trampolin auf. Erst testet sie es mit einem Sprung ohne Einlage. Es folgt ein Vorwärtssalto, dann einer mit zusätzlicher Spirale. Die ersten zwei Versuche enden mit einer wackeligen Landung. Beim dritten Mal steht sie den Sprung perfekt.
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Die Originalversion dieses Artikels wurde hier veröffentlicht.