Als Noe Seifert an der WM die Bronzemedaille gewann, waren alle Augen auf ihn gerichtet. Dabei ging unter, dass ein weiterer Schweizer ein bemerkenswertes Resultat erzielte. Im Interview erzählt Florian Langenegger, wie es sich anfühlt, im Schatten seines Teamkollegen zu stehen.
Robin Walz, Biel
Der dritte Platz von Noe Seifert an der WM in Jakarta war das beste Mehrkampf-Resultat eines Schweizer Kunstturners seit 1950. Kein Wunder, sprach man hierzulande von einer «historischen» Bronzemedaille.
Im ganzen Trubel rund um Noe Seiferts Erfolg ging unter, dass ein weiterer Schweizer in Indonesien überzeugte. Florian Langenegger belegte in Indonesien Platz 10. Auch wenn ein zehnter Rang auf den ersten Blick nicht spektakulär scheint, ist er dennoch geschichtsträchtig. Langenegger ist – abgesehen von Noe Seifert – nämlich der einzige Schweizer in 75 Jahren, der es in einem WM-Mehrkampf unter die Top 10 geschafft hat. Mit Seifert und Langenegger gehören nun gleich zwei Aargauer zu den besten zehn Kunstturnern der Welt.
Nach Jakarta blieb wenig Zeit zur Erholung. Florian Langenegger steht bereits wieder in der Bieler Halle. Am kommenden Wochenende finden in Winterthur die Schweizer Meisterschaften im Mannschaftsmehrkampf statt. Im Gespräch blickt der 22-jährige Aargauer nach dem Training nochmals auf die WM zurück. Er spricht über Anerkennung, Rivalität und wagt eine Prognose, wann er Noe Seifert übertreffen könnte.
Es ist nun über drei Wochen her seit dieser überragenden Leistung an der WM in Jakarta. Auf Ihrer Homepage fehlt aber davon bisher noch jede Spur.
Ich habe momentan etwas viel um die Ohren mit dem Studium, weil in den letzten Wochen der Fokus auf dem Turnen lag und ich die Schule etwas vernachlässigt habe. Darum bin ich noch nicht dazu gekommen, meine Homepage zu aktualisieren.
Jetzt mal ganz ehrlich: Wie mühsam war das, nach Jakarta in die BWL-Vorlesung zu sitzen?
Es war schon schwierig, nach dieser coolen Zeit in Jakarta wieder in den Alltag zurückzukehren.
Nehmen Sie uns zurück nach Indonesien. Wie haben Sie den WM-Erfolg zelebriert?
Nach meinem zehnten und Noes dritten Platz sind wir natürlich feiern gegangen. Erst haben wir mit der Delegation gegessen. Danach sind wir weiter in die Bars und haben das Nachtleben erkundet.
Um welche Zeit wart ihr wieder zu Hause?
Das war unterschiedlich (lacht). Aber schon recht spät. Am nächsten Tag hatten wir nichts mehr vor, also konnten wir ausschlafen.
Sie gehören jetzt offiziell zu den zehn besten Kunstturnern der Welt. Was ist das für ein Gefühl?
Das ist schon speziell. Die WM hätte fast nicht besser laufen können. Klar, ich hätte noch ein paar Zehntel besser turnen können, um Neunter oder Achter zu werden. Aber mit dem Top-10-Platz bin ich sehr zufrieden. Es ist ein cooles Gefühl.
Zur Person

Florian Langenegger aus Uerkheim startete seine Kunstturn-Karriere beim STV Schlossrued. Seit 2022 lebt er in Magglingen und gehört dem Nationalkader an. Der heute 22-Jährige hat bereits an drei Weltmeisterschaften sowie an den Olympischen Spielen in Paris teilgenommen. Langenegger hat eine Banklehre abgeschlossen und studiert heute Betriebsökonomie an der Fernfachhochschule Schweiz.
Abgesehen von Noe Seifert sind Sie der einzige Kunstturner der Schweiz seit 1950, der eine Top-10-Rangierung im Mehrkampf erreicht hat.
Ja, das ist schon lange nicht mehr passiert. Das ist doch überraschend, wenn man bedenkt, dass es vor uns mit Pablo Brägger und Oliver Hegi eine gute Generation gab. Darum macht es mich umso stolzer, das als Schweizer wieder einmal erreicht zu haben.
Selbst Sepp Zellweger, der in den 1980er-Jahren als der beste westliche Turner galt, und Pauschenpferd-Olympiasieger Donghua Li haben das nie geschafft.
Gut, das war noch eine andere Zeit damals. Was mich besonders freut: Ich konnte mich in den letzten Jahren steigern. An der Weltmeisterschaft in Antwerpen wurde ich Vierzehnter, an den Olympischen Spielen in Paris Sechzehnter und jetzt Zehnter. Das zeigt so ein wenig den Verlauf. Wenn ich so weitermachen kann, dann reicht es hoffentlich auch mal für eine Medaille, wie bei Noe.

Bleiben wir bei Noe Seiferts Bronzemedaille. Blickt man auf die Berichterstattung zur WM zurück, könnte man meinen, der Schweizer Erfolg war nur von ihm geprägt. Ihre starke Platzierung war höchstens eine Randnotiz. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Das ist auf jeden Fall so. Noes Bronzemedaille im Mehrkampf ist historisch, da geht ein 10. Platz halt fast ein wenig unter. Das ist halt so. Schlussendlich bin ich mit meiner Leistung zufrieden, das ist das Wichtigste.
Aber bleibt da nicht ein leiser Wermutstropfen, dass Ihre hervorragende Leistung so unterging?
Ja, man hätte schon mehr darüber schreiben können, dass es auch noch einen zweiten Schweizer gab, der sehr gut war und eine starke Leistung gezeigt hat.
Wie fühlte es sich für Sie in den letzten Wochen an, im Schatten von Noe Seifert zu stehen?
Das hat mich nicht gross beeinflusst. Ich bin davon ausgegangen, dass die Anfragen bei Noe landen werden und nicht bei mir. Deshalb habe ich mich darauf eingestellt. Aber ich finde es cool, kann ich mit Euch ein Interview machen.

Motiviert Sie dieser Schattenplatz, um in der Halle mehr Gas zu geben?
Mich motiviert vor allem, dass ich an der WM den 10. Platz geholt habe. Das hat mir gezeigt, dass sich die harte Arbeit auszahlt. Wenn ich so weitermache, dann komme ich weiter nach vorne. Irgendwann bin ich dann vielleicht der bessere Schweizer.
Wann ist das so weit?
Hoffentlich bald (lacht).
Das heisst?
Bis 2028 möchte ich die Schwierigkeit in meinen Übungen erhöhen und diese perfektionieren. Dann sieht das gut aus.
Zwischen Ihnen und Noe Seifert scheint es eine gesunde Rivalität zu geben.
Ja, klar. Im Wettkampf sind wir meistens Gegner, aber wir schauen uns nicht als Konkurrenten an. Wir unterstützen uns immer gegenseitig. Im Training geben wir uns Tipps, damit jeder besser wird. So steigern wir uns gegenseitig hoch. Gerade in der kleinen Schweiz ist es wichtig, dass wir eine gute Teamkonstellation haben, sodass wir international vorne mitspielen können. Das machen wir bis jetzt sehr gut.
Schweizer Team-Erfolge
Die Schweizer Kunstturn-Équipe konnte in den vergangenen Jahren mehrere Erfolge einfahren. An der WM 2023 in Antwerpen landete das Männer-Team im Mannschaftsmehrkampf auf dem fünften Rang und erzielte das beste Resultat seit 1954. Ein Jahr später schloss die Schweiz an den Olympischen Spielen in Paris mit einer noch höheren Punktzahl auf Platz 7 ab. Im Mai dieses Jahres dann die Krönung: Die Schweiz sichert sich an der EM in Leipzig die Silbermedaille. Es ist der grösste Erfolg einer Schweizer Mannschaft überhaupt.
Absolut. Sie waren in den letzten Jahren nicht nur ein zentraler Bestandteil dieser erfolgreichen Schweizer Équipe, sondern gelten dort als «Mister Zuverlässig». Wie erklären Sie sich diesen Spitznamen?
Ich habe an den letzten Grossanlässen ohne grobe Fehler und weitgehend sturzfrei meine Leistung gezeigt. Dadurch konnte ich das Team stärken. Weil ich bei den Teamwettkämpfen praktisch immer als Erster gestartet bin, konnte ich jeweils eine gute Basis legen und meinen Teamkollegen den Druck etwas wegnehmen. So habe ich mir diesen Namen erturnt.
Das ist jeweils so abgemacht, dass Sie als Erster turnen?
Wir besprechen das im Team, bevor wir zu einem Wettkampf reisen. Schon in der Vorbereitung halten wir diese Reihenfolge ein, damit wir eingespielt sind, wenn’s ernst gilt.
Ihre Teamkameraden sind Ihnen sicher dankbar, dass Sie den Start machen.
Ich hoffe es, ja. Zumindest möchte niemand anders freiwillig anfangen.
Sie sind erst 22 Jahre jung. Woher kommt diese Ruhe, diese Abgeklärtheit, die Sie an den Tag legen?
Das kann ich mir selbst nicht wirklich erklären. Das ist mir wohl angeboren. Wenn ich eine gute Vorbereitung habe, dann habe ich das nötige Selbstvertrauen, um hinzustehen und zu sagen: Ja, ich kann das am Wettkampf genau so zeigen, wie ich es im Training mache.

Haben Sie irgendwelche Rituale vor den Wettkämpfen?
Ich höre manchmal Musik, um in Stimmung zu kommen.
Was für Musik hören Sie?
Vor allem aufpeppende Musik. Zum Beispiel AC/DC.
Wir haben vorher über die öffentliche Wahrnehmung Ihrer Person gesprochen. Wie wichtig ist Ihnen Anerkennung?
Nicht wirklich wichtig. Ich schätze es immer sehr, wenn etwas für mich organisiert wird, aber ich verlange das keineswegs.
Aber ist das nicht frustrierend, wenn Sie sich in einer der athletischsten Sportarten der Welt vor ein paar Hundert Zuschauenden zu den Besten 10 der Welt turnen müssen, während an einer Fussball-WM Hunderttausende Fans 22 Spieler anfeuern, die einem Ball nachrennen?
Das war schon schade. Die Atmosphäre hat in der Halle gefehlt. Die Schweizer Delegation war klein, weil die WM so weit weg war. Aber schlussendlich turne ich für mich und nicht für die Zuschauenden.

Sie erhoffen sich aber sicher auch, dass das Kunstturnen an Ansehen gewinnt?
Ja. Kunstturnen ist eine so coole Sportart. Dort wird alles kombiniert: körperliche Fitness, Koordination, Beweglichkeit, Kraft. Das ist selten. Deshalb hat Kunstturnen schon Potenzial, bekannter zu werden. Aber im Vergleich zu anderen Sportarten haben wir leider noch sehr wenig Medienpräsenz oder generell Präsenz.
Weshalb?
Weil wir nicht viele grosse Wettkämpfe haben. Im Ski gibt es während der Wintersaison praktisch jedes Wochenende ein Rennen, das im Fernsehen gezeigt wird. Kunstturnen interessiert vor allem an den Olympischen Spielen oder dann, wenn eine EM oder WM stattfindet. Dadurch ist es vielleicht weniger populär. Das ist aber schwierig zu ändern, weil wir unsere fixen Jahrespläne haben.
Letzte Frage: Wann bekommen Sie endlich einen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel?
Ich habe einen Wikipedia-Artikel?
Ja, aber nur auf Englisch, Spanisch und Norwegisch, nicht auf Deutsch.
Das wusste ich gar nicht. Dann hoffentlich bald.
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Die Originalversion dieses Artikels wurde hier veröffentlicht.