Ein Plüschtier für WM-Bronze: So «undankbar» ist die Karriere als Kunstturner

An der Kunstturn-WM gewann Noe Seifert im Mehrkampf die Bronzemedaille. Finanziell ausgezahlt hat sie sich bisher kaum. Bild: Mast Irham / Keystone

Noe Seifert ist der drittbeste Kunstturner der Welt und steht jeden Tag in der Halle. Dennoch braucht er Nebenjobs, um über die Runden zu kommen. Er würde gerne eine Familie gründen, doch seine derzeitige finanzielle Situation lässt dies nicht zu.


Ein Plüschtier und ein chinesisches Android, das Noe Seifert nicht brauchen kann. Das waren – nebst der Bronzemedaille – die beiden Gegenstände, mit denen der Internationale Turnverband (FIG) seinen historischen dritten Platz an der WM in Jakarta würdigte. Preisgeld gab es von der FIG keines.

Als Vergleich: Lara Gut-Behrami kassierte vom Internationalen Skiverband für ihren dritten Rang in Sölden knapp 13’000 Franken. Für ein einzelnes Weltcup-Rennen.

Immerhin erhielt der 27-jährige Aargauer vom Schweizerischen Turnverband (STV) «eine entsprechende Erfolgsprämie für seine Leistung im unteren fünfstelligen Bereich», heisst es auf Anfrage.

Es versteht sich von selbst, dass der symbolische und nicht der finanzielle Wert der Bronzemedaille für Noe Seifert im Vordergrund steht. Es ist eine sportliche Errungenschaft, die in 75 Jahren kein anderer Schweizer geschafft hat und die ihm für immer in Erinnerung bleiben wird. Und dennoch erstaunt es, dass die finanzielle Belohnung für diese Weltspitzenleistung in einer der athletischsten Sportarten so tief ausfällt. Das wirft Fragen auf: Wovon lebt eigentlich Noe Seifert? Und kann er seinen Erfolg anderweitig monetarisieren, wenn nicht über Preisgelder?

Lohn des Verbands im unteren vierstelligen Bereich

Seit Noe Seifert 15 Jahre alt ist, lebt er Magglingen in einem Zimmer. Die Unterkunft gehört zu den Leistungen, die der STV für einige seiner 23 Kunstturnerinnen und Kunstturner der Nationalkader A, B und C übernimmt – genauso wie die Kosten für Verpflegung, Trainer, Physiotherapie und Reisen.

Zusätzlich zahlt der STV, als einer der wenigen Verbände der Schweiz, seinen Athletinnen und Athleten einen Monatslohn. Dieser fällt je nach Erfahrung und Kaderzugehörigkeit unterschiedlich hoch aus. Bei Noe Seifert liegt der Monatslohn gemäss dem STV im unteren vierstelligen Bereich.

Noe Seifert ist beim Schweizerischen Turnverband als Kunstturner angestellt und wird entlöhnt. Bild: Sandra Ardizzone / CH Media

Um seinen Monatslohn aufzubessern, arbeitet er nebenbei. Er hat eine 30-Prozent-Stelle beim Bundesamt für Sport in der Administration. «Zum Leben reicht das an und für sich schon», sagt Noe Seifert. «Aber würde ich mit meiner Freundin zusammenziehen wollen, wäre ich schon am Limit.»

Kinder zu haben, ein grosser Wunsch vom 27-Jährigen, ist momentan aus finanziellen Gründen nicht möglich. «Ich müsste jedes Jahr Europameister und Weltmeister werden, um eine Familie gründen zu können», sagt er.

Auch nach der Medaille haben sich nicht viele Türen geöffnet

Noe Seifert hat noch zwei weitere Einnahmequellen, die aber im Vergleich zum Fixlohn nur einen minimalen Anteil ausmachen. Einerseits hat er damit begonnen, an Wettkämpfen in Deutschland teilzunehmen, weil die Prämien dort höher sind als in der Schweiz. So turnt Noe Seifert neuestens für die Kunstturnabteilung der Eintracht Frankfurt. Anstelle sich nach dem WM-Erfolg zu erholen, war er seither bereits bei zwei Bundesliga-Wettkämpfen dabei – neben der Wettkampferfahrung mit der Absicht, einen kleinen Zusatzverdienst zu erzielen.

Andererseits sind da die Sponsoren, die in vielen Sportarten ein grosses Potenzial als Einnahmequellen bieten. Sein Manager Beat Weidmann sagt dazu: «Noe konnte bisher nur kleinere Einsätze für Firmen an deren Anlässe gegen eine kleine Entschädigung machen.» Der grosse Sponsoring-Coup bleibt bisher aus. Auch nach dem Bronzemedaillengewinn. Vereinzelte Sponsoringanfragen kamen zwar rein. «Aber es ist jetzt nicht so, als würde die Bude von allen Seiten bedrängt», sagt Seifert.

Letztes Wochenende reiste er am Abend nach einem Wettkampf in Deutschland direkt nach Glarus, weil er am darauffolgenden Morgen einen Vortrag vor einer Kindergruppe hielt. So landete der drittbeste Kunstturner der Welt mitten in der Nacht auf einem Glarner Bergpfad, um ein paar zusätzliche Hundert Franken zu verdienen.

Noe Seiferts Bekanntheitsgrad ist gering

Wie interessant ist denn Noe Seifert überhaupt für den Schweizer Werbemarkt? Anruf bei Frank Bodin. Gemäss dem Marketing-Experten sind zwei Merkmale entscheidend: der Bekanntheitsgrad und die Persönlichkeit beziehungsweise wie diese zu einer Marke passen. Bodin empfiehlt, möglichst authentisch zu bleiben.

Noe Seifert beschreibt sich selbst als «0815-Typ» und verwendet Adjektive wie «gelassen» oder «ruhig». Gegenüber den Medien möchte er sich nicht verstellen. «Das ist mir zu blöd», sagt er. Seifert blickt selbstkritisch auf sein öffentliches Auftreten, doch Bodins Authentizitätsideal verkörpert er jedenfalls.

Beim zweiten Punkt sieht Bodin Luft nach oben. «Für die sportliche Heldentat, die er geleistet hat, ist er in der Öffentlichkeit noch zu wenig präsent. Dementsprechend ist sein Bekanntheitsgrad relativ gering.» Er rät dem Kunstturner zu mehr Präsenz in den Medien und auch beim einen oder anderen Anlass.

Eine Message, die bei Noe Seifert und seinem Management längst angekommen ist. Auf seinem Instagram-Kanal häufen sich Beiträge und Follower. Neben den sozialen Medien ist der Kunstturner auch in den klassischen Medien präsenter. «Das Medieninteresse ist in den letzten Wochen stark gestiegen», sagt Manager Weidmann. Es gab Berichte in Tageszeitungen und er wurde in Magazinen porträtiert. Auch im Sportpanorama war er zu Gast.

Kunstturnen bleibt eine Randsportart

Die erhöhte Medienpräsenz rund um die Bronzemedaille soll nun helfen, neue Sponsoren zu gewinnen. Man wolle gezielte Firmen angehen, sagt Manager Weidmann. «Jedoch ist und bleibt das Kunstturnen eine Randsportart. Sponsoren zu finden, wird eine Herausforderung bleiben.»

Weidmann sieht das Kernproblem darin, dass über das Kunstturnen im Vergleich zu anderen Sportarten nur wenige Male im Jahr berichtet wird – nämlich hauptsächlich dann, wenn eine Weltmeisterschaft oder eine Europameisterschaft stattfindet. «Danach <verschwinden> die Kunstturnerinnen und Kunstturner wieder für Monate von der Öffentlichkeit», sagt Weidmann. Für Sponsoren, die über das ganze Jahr hinweg profitieren wollen, kann das abschreckend wirken.

«Ausserdem hat der STV Sponsoren, die Exklusivitäten besitzen, für deren Branchen auch ein privates Sponsoring für Noe ausgeschlossen ist», sagt Weidmann. Das schränke die Sponsorensuche weiter ein.

Kunstturnen ist in der Schweiz nicht besonders populär. Gemäss dem SRF verfolgten durchschnittlich 18’000 Menschen das WM-Mehrkampffinale vom 22. Oktober 2025 live im Fernsehen. Bild: Sandra Ardizzone / CH Media

Noe Seifert bleibt der Wunsch nach einer Familie derzeit verwehrt. Aus finanziellen Gründen. Diese Realität als Elite-Kunstturner bringt er wie folgt auf den Punkt: «Da ist man der Drittbeste der Welt in einer der schwierigsten Sportarten … Im Vergleich zu anderen Sportarten ist das schon sehr undankbar.»


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