Senegal gewinnt nach einer fragwürdigen Protestaktion den Afrika-Cup. Die deutsche Trainerlegende Otto Pfister, der verschiedenste Mannschaften auf dem Kontinent trainierte, erklärt, wie es zum Eklat kommen konnte.
Beim Afrika-Cup-Final zwischen Gastgeber Marokko und Senegal überschlagen sich die Ereignisse. Erst erzielt Senegal kurz vor Schluss den vermeintlichen Siegtreffer, der aufgrund einer heiklen Schiedsrichterentscheidung aberkannt wird. Dann erhält Marokko in der letzten Minuten einen Penalty. Die senegalesische Mannschaft verlässt daraufhin aus Protest das Feld, ehe sie zurückkehrt und das Spiel doch noch gewinnt.
Auch neben dem Platz spielen sich am Sonntag absurde Szenen ab. Es kommt zu Zusammenstössen zwischen den senegalesischen Fans und den marokkanischen Sicherheitskräften. Und die Balljungen attackieren den Ersatzgoalie Senegals.
Im Interview blickt die deutsche Trainerlegende Otto Pfister auf die ereignisvolle Partie zurück. Der 88-Jährige, der heute im Sarganserland lebt, verbrachte seine Trainerkarriere grösstenteils in Afrika und coachte unter anderem die Nationalmannschaften von Senegal, Ghana und Togo.
Wie würden Sie den Afrika-Cup-Final vom Sonntag in einem Wort beschreiben?
Spektakulär. Da kam alles zusammen, was den Fussball ausmacht. Ein gutes Spiel, Emotionen und ein Skandal.
Was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf, als die Senegalesen in der Nachspielzeit nach dem Penalty-Entscheid zugunsten Marokkos aus Protest das Spielfeld verliessen?
Dass der Trainer später sanktioniert wird. Aber Sadio Mané ist ein grossartiger Spieler. Er war der Einzige, der auf dem Platz geblieben ist und seine Mitspieler aus der Kabine zurückgerufen hat. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte Senegal das Spiel Forfait verloren.
War die Protestaktion gerechtfertigt?
Erst war da die Situation, als der Schiedsrichter das Tor von Senegal nicht gab. Und dann kam die heikle Penalty-Szene. Man kann Senegal keinen Vorwurf machen, dass sie reklamierten – das geschieht auch in Europa jedes Wochenende. Aber dass das dann so lange dauerte und die Mannschaft vom Platz ging, war schon unglaublich. Man muss aber auch sagen: Die Senegalesen waren clever.
Weshalb?
Sie haben das Spiel absichtlich unterbrochen, denn sie wussten: Je länger der Penaltyschütze warten und überlegen muss, in welche Ecke er schiesst, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht trifft. Für mich war klar, dass er verschiesst.
Zur Person

Otto Pfister (geb. 1937) ist ein ehemaliger deutscher Fussballspieler und -trainer. Er ist vor allem für sein Engagement als Trainer in Afrika und Asien bekannt. Zwischen 1972 und 2018 trainierte er auf den beiden Kontinenten zahlreiche Nationalmannschaften (Ruanda, Senegal, Elfenbeinküste, Kongo, Ghana, Bangladesch, Saudi-Arabien, Togo, Kamerun, Afghanistan) und Vereine in Burkina Faso, Ägypten, Tunesien, im Libanon, im Sudan und in Algerien. 1992 wurde er in Afrika zum «Trainer des Jahres» gewählt. 2006 nahm er mit Togo an der Weltmeisterschaft in Deutschland teil. Heute lebt Otto Pfister mit seiner Frau in der Schweiz.
Hätte Brahim Diaz den Penalty verwandelt, hätte er eine ganze Nation erlöst – Marokko wartet seit 50 Jahren auf den Sieg im Afrika-Cup. Stattdessen scheiterte er kläglich per Panenka und anschliessend erzielte Senegal in der Verlängerung das 1:0-Siegtor. Welche Folgen hat das für den Spieler?
Ich erinnere mich, als ich 1992 mit Ghana den Afrika-Cup-Final gegen die Elfenbeinküste im Penaltyschiessen verlor. Anthony Baffoe verschoss den entscheidenden Elfmeter. Er hat das bis heute nicht verkraftet. Dieser Junge (Anm. d. Red: Brahim Diaz) tut mir schon leid. Er wird das sein Leben lang mit sich tragen. Der muss jetzt psychologisch betreut werden.
Zurück zur Protestaktion: Wie kann es sein, dass es in einem Spiel mit dieser Bedeutung zu einem solchen Eklat kommt?
Das ist halt so. Das ist Afrika. Die Emotionen kochen da so hoch, wie sonst nirgends. Das ist für die Leute hier in Europa schwer zu verstehen. Dort ist alles auch politisch.
Inwiefern?
Wenn eine Mannschaft ein solches Spiel verliert, kann der Sportminister oder der Verbandschef seinen Posten verlieren. Fussball ist in Afrika wie eine Religion. In Senegal gibt es jetzt zum Beispiel drei Feiertage. Ein anderes Beispiel: Als ich mit Ghana 1991 die U17-WM gewann, hat der Staatspräsident Jerry Rawlings die Konferenz der blockfreien Staaten für drei Tage unterbrochen, eine ganze Woche zum Feiertag erklärt und dann haben uns 100’000 Menschen am Flughafen empfangen. Für eine U17-WM! Das ist in Europa unvorstellbar.
Was am Sonntag passierte, war also gar nicht so aussergewöhnlich?
Das gehört dazu. Der Afrika-Cup ist ein Freudenfest. Und wenn es dann so spitz auf Hacke geht wie am Sonntag, dann drehen sie durch. Am Schluss sind die Offiziellen sogar auf der Tribüne aufeinander los. Ein Eklat in diesem Ausmass passiert aber selten.
Das schadet aber dem Image des afrikanischen Fussballs.
Ja, es schadet generell dem Ansehen des Kontinents. Und es verstärkt leider die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen.
Was meinen Sie damit?
Sie kennen den negativen Trend gegenüber Ausländern in Europa. Ich habe da eine andere Meinung. Wenn Sie mich fragen, müsste man jedem Flüchtling aus Afrika, der in Europa ankommt, 50’000 Euro, eine Wohnung und ein Auto geben. Die Europäer haben den Kontinent jahrelang ausgesaugt. Jetzt kommen die Buben hierhin und keiner will ihnen helfen.
Zurück zum Fussball: Sie waren jahrzehntelang in verschiedenen Ländern Afrikas als Trainer tätig. Welche Mannschaft oder welche Spieler bleiben Ihnen besonders in Erinnerung?
Ghana. Oder Kamerun. Ich habe Weltklassespieler wie Rigobert Song oder Samuel Eto’o trainiert. Letzterer sitzt auf einem Stuhl und jongliert 20 Minuten lang mit zwei Bällen. Das kann kein Mensch in Europa. Eto’o hat mir mal gesagt: «Der liebe Gott hat mir dieses Talent gegeben und mit dem spielt man nicht.» Er war extrem ehrgeizig.
Gibt es auch negative Erinnerungen?
Als ich Kamerun trainierte und ein WM-Qualispiel gegen Marokko bevorstand, erhielt ich einen Anruf eines Agenten. Er bot mir Geld an, wenn ich drei Spieler auf die Kaderliste nehme.
Was haben Sie gemacht?
Ich bin nicht darauf eingegangen. Dann rief er wohl einen Journalisten an. Denn einige Tage später gab es einen schönen Artikel gegen den Trainer.
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Die Originalversion dieses Artikels wurde hier veröffentlicht.