Johan Manzambi steht exemplarisch für viele Schweizer Talente, die früh zum SC Freiburg wechseln – weil der Bundesligist etwas bietet, was den Schweizer Vereinen noch fehlt. Ein exklusiver Einblick in Freiburgs viel gelobte Nachwuchsarbeit und sein Scouting in der Schweiz.
Robin Walz, Freiburg
Europa-Park-Stadion. 31’000 Zuschauerinnen und Zuschauer.

Als Johan Manzambi in der 11. Minute zur Grätsche ansetzt, erntet er von den Freiburger Heimfans einen lauten Applaus. Es ist eine von vielen Aktionen, mit denen der Publikumsliebling im Spiel gegen Salzburg begeistert: So auch die Balleroberung an der eigenen Eckfahne oder die Körpertäuschung, mit der er gleich zwei Gegenspieler stehen lässt. Manzambi ist omnipräsent, ja der Auffälligste auf dem Platz. Er zeigt einmal mehr, wie zweikampfstark, schnell und kreativ er ist.
Ein Scorerpunkt gelingt dem Nati-Juwel gegen Salzburg nicht. Fast schon eine Ausnahme, wenn man seine jüngste Bilanz betrachtet: Vier Tore und zwei Assists sind ihm in den letzten neun Spielen für den SC gelungen – eine beachtliche Statistik für einen Mittelfeldspieler. Doch auch ohne Direktbeteiligung Manzambis gewinnt Freiburg mit 1:0 und bleibt in der Europa League weiterhin ungeschlagen. Nach der Partie sagt er in der Mixed-Zone: «Es ist unglaublich. Ich erinnere mich, dass ich als Kind donnerstags die Spiele im Fernsehen gesehen habe – und jetzt spiele ich selbst mit.»
Dem Mittelfeldspieler gelang im letzten Jahr ein rasanter Aufstieg. Erst arbeitete er sich in Freiburg zum Stammspieler hoch, dann glänzte er auch in der Nati. Inzwischen gehört das 20-jährige Juwel zu den begehrtesten Spielern Europas. Sogar Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain soll am Mann interessiert sein, dessen Marktwert 30 Millionen Euro beträgt. «Wir werden sehen, wie es in den kommenden Jahren läuft», sagt Manzambi über die Gerüchte. «Im Moment bin ich glücklich.»
Dann gesellt sich Manzambi neben den Kabinen zu Teamkollege Bruno Ogbus und Salzburg-Spieler Enrique Aguilar für ein helvetisches Gespräch im Breisgauer Untergrund. Die drei Spieler stammen alle aus der Schweiz, haben aber noch etwas gemeinsam: Sie wagten bereits in jungem Alter den Schritt ins Ausland. Manzambi wechselte mit 17 von Servette, Ogbus bereits mit 16 von GC zu Freiburg. Auch Aguilar war 16 Jahre alt, als er vom FC Basel zu Salzburg ging. Alle drei haben bei ihren neuen Vereinen über die Nachwuchsabteilung den Sprung in die 1. Mannschaft geschafft.
Teil I: Deshalb springen so viele Schweizer Talente zum SC Freiburg ab
Manzambi, Ogbus und Aguilar sind keine Einzelfälle. Viel mehr widerspiegeln sie eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Junge Schweizer Talente wechseln in den Nachwuchsbereich ausländischer Vereine. Der Verein von Manzambi und Ogbus sticht hier besonders heraus: In den letzten sieben Jahren sind neun Nachwuchsspieler von einer Schweizer U-Mannschaft in die Jugend des SC Freiburg gewechselt. Hier finden Sie die Übersicht.
Freiburg hat weitere Talente wie Lars Hunn oder Alessio Besio verpflichtet, die aber in der Schweiz bereits Profi-Erfahrung gesammelt hatten. Weshalb wechseln so viele junge Spieler in den Schwarzwald? Warum gelingt es den Schweizer Klubs nicht, ihre Nachwuchstalente zu halten? Und wie besorgt ist der Schweizerische Fussballverband (SFV) über diese Entwicklung?
Patrick Bruggmann, Direktor Fussballentwicklung beim SFV, sagt: «Grundsätzlich sind wir überzeugt, dass unsere Nachwuchsakademien einen guten Job machen. Deshalb würden wir bevorzugen, dass die jungen Spieler hier bleiben und den Schweizer Weg gehen.» Statt schon früh ins Ausland zu wechseln, sollen sich die Talente zunächst in der Schweiz im Profifussball durchsetzen.
Der Schweizer Weg hat sich in der Vergangenheit als wirksam erwiesen. Gemäss einer Verbandsstatistik aus dem Jahr 2024 haben von den letzten 104 Spielern, die es in die A-Nationalmannschaft geschafft haben, 90 Prozent ihre ersten 20 bis 30 Spiele als Profi in der Super League und/oder in der Challenge League absolviert. Zahlen, die eigentlich für eine solide Nachwuchsarbeit der Schweizer Vereine und für den Schweizer Weg sprechen.
Der Schweizer Ausbildungserfolg in Schieflage
Doch es gibt auch Statistiken, die ein anderes Bild zeigen. Eine vom SFV in Auftrag gegebene und im Jahr 2024 publizierte Studie zeigt: Die Schweiz hat in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen vergleichbaren Fussball-Nationen – Belgien, Dänemark, Kroatien und Österreich – deutlich weniger Topspieler und generell Profispieler herausgebracht. Alarmierend ist besonders, dass der Trend in der Schweiz anders als bei den anderen Ländern nach unten zeigt.
Das Fazit: Der Ausbildungserfolg im Schweizer Fussball hat abgenommen. Das könnte langfristig Auswirkungen auf den Erfolg der A-Nati haben. Die jüngsten Resultate der U-Nationalteams sind ein Indikator, in welche Richtung es künftig gehen könnte: etwa das 0:7 der U19 gegen Dänemark oder das 1:2 der U21 gegen Fussballzwerg Luxemburg.

Eine Entwicklung, die dem SFV Sorgen bereitet. Für Bruggmann gibt es insbesondere zwei Gründe für den abnehmenden Ausbildungserfolg, die bei den Spielern letztlich auch zur Entscheidung für einen frühen Wechsel ins Ausland beitragen können. Einerseits sind da die Einsatzminuten von jungen Spielern. «Wir sehen, dass weder in der Challenge League noch in der Super League junge Schweizer ausreichend Spielzeit bekommen», sagt Bruggmann. Die Spielminuten der Nachwuchsspieler beim FC St. Gallen, der in der laufenden Saison in diesem Bereich am besten abschneidet, machen nur etwa 15 Prozent der gesamten Einsatzzeit aus.
Andererseits bemängelt Bruggmann die individuelle Förderung talentierter Nachwuchsspieler durch ihre Vereine. «Wir müssen wegkommen von dieser Mentalität des Teamerfolgs, wo das einzige Ziel ist, Spiele zu gewinnen.» Viel wichtiger sei es, den Fokus auf die einzelnen Spieler zu richten und ihre persönliche Entwicklung voranzutreiben. Bessere Spieler würden letztlich auch zu besseren Resultaten führen.
Zentral sind in diesem Zusammenhang gemäss Bruggmann individuelle Entwicklungs- und Karrierepläne: Was sind die nächsten Schritte? Wann könnte der Sprung in die 1. Mannschaft gelingen? So sollen junge Spieler einen möglichen Weg in den Profifussball aufgezeigt bekommen und dadurch auch längerfristig an den Verein gebunden werden.
Der SC Freiburg als Vorzeigebeispiel
Was den Schweizer Klubs offenbar noch schwerfällt, wird ennet der Grenze konsequent umgesetzt. «Der SC Freiburg ist im Bereich der individuellen Förderung sehr weit», sagt Bruggmann. Auch was die Integration von Jugendspielern bei den Profis anbelangt, sind die Breisgauer das Paradebeispiel schlechthin: Die sechs Eigengewächse in der 1. Mannschaft kommen in der laufenden Saison auf rund ein Viertel aller Spielminuten. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass so viele junge Schweizer Talente über die Grenze gezogen sind.
Der Journalist hat mit einigen dieser Spieler gesprochen. Obwohl die Motive für ihren Wechsel vielfältig sind, ist der Grundtenor tatsächlich immer derselbe: In Freiburg wurde den Talenten eine Perspektive aufgezeigt, in der Schweiz offenbar nicht oder zu wenig.
Für Johan Manzambi ist der Weg, welchen die Freiburger ihm aufzeigen, so klar und vielversprechend, dass er nur zusagen kann: «Sie haben mir gesagt, dass ich erst sechs Monate in der U19 spielen und danach in die U23 wechseln kann, welche in der dritten Liga spielte. So konnte ich Profi-Erfahrung sammeln, die ich bis dahin noch nicht hatte. Das war sehr gut. Ja, gar perfekt. Meine Familie sah das auch so.»
Bruno Ogbus sagt: «Ich habe es spannend gefunden, weil viele Jugendspieler hier Profis werden. Das sprach schon für sich. Dann dachte ich, das könnte der richtige Schritt sein, weil hier die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass man es schafft.»
Einer der Ersten, der die Schweiz in Richtung Freiburg verliess, war Till Mühlethaler. Als er 2019 den Wechsel beim FC Thun ankündigte, hätten die Nachwuchsverantwortlichen mit Unverständnis reagiert. Doch Mühlethaler, der in seinem Jahrgang zu den besten Spielern gehörte, verteidigt seinen Entscheid: «Es gab nie eine Annäherung an den Profifussball», etwa ein Vertragsangebot oder ein Training mit der U21. Die Jugendarbeit beim FC Thun – zumindest die damalige – bezeichnet er als «ziellos» und «planlos».

Der SC Freiburg hingegen habe jeden Spieler mit einem individuellen Plan eng begleitet. Dazu gehörten regelmässige Standortbestimmungen, Stärken-Schwächen-Analysen und persönliche Trainingspläne. «So konnte sich jeder neben dem Mannschaftstraining selbst weiterentwickeln», sagt Mühlethaler.
Massnahmen bringen nicht die erwünschten Resultate
Der SFV hat in den vergangenen Jahren einige Massnahmen getroffen, um die Nachwuchsförderung in der Schweiz zu stärken und den Schweizer Weg wiederzubeleben. Zum Beispiel mit dem Ausbau des Projekts «Footuro», in welchem die talentiertesten Spieler pro Jahrgang eine individuelle Rundumbetreuung erhalten. Oder mit der Ausbildung zum Talentmanager, wo ebendiese – jede Nachwuchsakademie muss einen Talentmanager beschäftigen – sensibilisiert werden, wie wichtig individuelle Entwicklungspläne sind.
Auch wurden finanzielle Anreize geschaffen, um die Spielminuten der Nachwuchsspieler zu erhöhen. Mit der Nachwuchs-Trophy will die Swiss Football League, die zum SFV gehört, diejenigen Klubs belohnen, die am meisten auf einheimische Nachwuchsspieler setzen. Offenbar zeigte dies nur bedingt Wirkung. Selbst die Liga-Vergrösserung auf zwölf Mannschaften, wodurch die Abstiegsgefahr verringert wurde, hat daran nichts geändert.
«Wir haben das Gefühl, von unserer Seite kommt da viel Unterstützung», sagt Bruggmann. «Jetzt muss auch bei den Vereinen dieses Bewusstsein weiter geschärft werden. Ich bin überzeugt, dass es dort im Nachwuchsbereich noch Optimierungspotenzial gibt.» Ein Blick nach Freiburg zeigt, wie es funktionieren kann.
Teil II: Hier werden die Schweizer Talente ausgebildet
Besuch im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des SC Freiburg. Hier wurden Manzambi, Ogbus und zahlreiche andere Schweizer Talente ausgebildet. Für sämtliche U-Mannschaften der Breisgauer ist der Campus im Schwarzwald, der von dunklen Tannen umgeben ist, Trainingsort und Heimstätte. Für die Spieler von der U16 bis zur U19 dient das NLZ zudem als Unterkunft und Versorgungsstelle. Tagsüber besuchen die Jungs eine öffentliche Regionalschule in der Stadt, abends trainieren sie und übernachten im Internat.

In Deutschland sind solche Zentren für Vereine der Bundesliga und 2. Bundesliga mittlerweile Pflicht. Doch als das NLZ im Jahr 2001 gebaut wurde, war es das erste dieser Art. Trotz Renovierungsarbeiten – die grossen Röhren, mit denen der Wasserschaden in den Kabinen behebt wird, sind unübersehbar – ist es noch immer bestens intakt.
Hier wird den Fussballern alles Nötige für eine optimale Entwicklung zur Verfügung gestellt: Im dreistöckigen Wohngebäude gibt es neben den sechzehn Zimmern einen Kraftraum, eine Turnhalle, eine Mensa, ein Esszimmer, einen Gemeinschaftsraum mit Fernseher und Büroräumlichkeiten für den Staff. Etwa für die Sportpsychologen oder die zwei Vollzeitpädagogen. Vom unteren Stock führt ein Tunnel direkt ins Möslestadion, wo die U17 und U19 ihre Heimspiele austragen. Einen weiteren Rasen- sowie zwei Kunstrasenplätze gibt es auch noch auf dem Areal.
Wie tickt der SC Freiburg?
Beim Rundgang mit NLZ-Leiter Andreas Steiert treffen wir im Esszimmer auf Mladen Mijajlovic, neben Théodore Pizarro und Rouven Tarnutzer der dritte Schweizer, der hier zurzeit im Internat lebt.
«Hey Mladen», ruft Steiert dem 17-jährigen Aargauer zu, der an der U17-WM in Katar für Furore sorgte. Ein Gespräch mit dem Youngster lässt der SC Freiburg nicht zu. «Auf Mladen rasseln zurzeit unglaublich viele Anfragen rein. Wir wollen eine Balance finden zwischen der Wertschätzung für seine besondere Leistung und der Rückkehr zur Normalität. Es war <nur> eine U17-WM und er hat noch Schritte vor sich. Deshalb wollen wir ihn schützen», sagt Steiert.

Das ist exemplarisch für die Bodenständigkeit, die der Verein seinen jungen Spielern vermitteln möchte. Und die man selbst im Gespräch mit Manzambi, dem der Durchbruch bereits gelungen ist, wiedererkennt: «Ich bin noch niemand, habe noch nichts geschafft», sagt er.
In dieses Muster passt auch das bei Freiburg angewendete Taschengeldkonzept. Der Verein übernimmt die Kosten für Unterkunft und Ausbildung, zahlt den Spielern allerdings nur ein tiefes Salär aus: 350 Euro pro Monat für alle U16- und U17-Spieler, 450 Euro für alle U19-Spieler. Im Vergleich zu anderen Bundesliga-Klubs sind das bescheidene Löhne. «Wir sind überzeugt, dass es in diesem Alter nicht um Geld gehen sollte», sagt Steiert.
Bodenständigkeit ist einer von vielen Werten, die im ganzen Verein hochgehalten werden. Und die auch Aussenstehende dem Sportklub hoch anrechnen. Im Zuge der Recherche fällt kein negatives Wort über den SC Freiburg – weder von ehemaligen Spielern noch von Schweizer Vereinen oder dem SFV. Der Klub sei vertrauenswürdig, transparent, offen, zudem herrsche ein familiäres Klima.
Ein Eindruck, der sich beim Besuch vor Ort bestätigt. Als der Journalist von Steiert empfangen wird, lautet die erste Frage: «Hast du schon gegessen?» Noch vor dem Rundgang geht es also in die Mensa, wo sich bereits eine andere Gruppe befindet. Es wird viel geredet, gelacht, gescherzt. Was folgt, ist ein lockeres Gespräch über die Freiburger Nachwuchsarbeit und das Scouting in der Schweiz.
Wenn Steiert über die Nachwuchsarbeit des SC Freiburg spricht, die in Fussballkreisen so gelobt wird, verwendet er keine Superlative. Dass man im Breisgau besser arbeitet als bei den Schweizer Vereinen, will er nicht offen aussprechen.
Gut Ding will Weile haben
Und dennoch herrscht in Freiburg ein klares Selbstverständnis, wie man Spieler ausbilden will. «Wir haben uns die Entwicklung der Spieler auf die Fahne geschrieben. Das ist uns wichtiger als das kurzfristige Ergebnis.» Diese Entwicklung soll sich nicht auf den fussballerischen Aspekt beschränken, sondern auch Themen wie Schulausbildung, Arbeitsmoral oder Charakter berücksichtigen.
Entscheidend ist aber indes die Entwicklung auf dem Platz. Hier legen die Breisgauer einen grossen Wert auf Geduld. «Entwicklung ist sehr individuell. Für einen Spieler kann das auch mal bedeuten, in einer niedrigeren Mannschaft zu spielen und dort Verantwortung zu übernehmen», sagt Steiert. Dieser Prozess sei in der heutigen Fussballwelt, in der es nicht schnell genug gehen kann, nicht immer einfach. «Wir sind nicht für jeden Spieler der richtige Verein, weil wir manchmal vielleicht zu <langsam> sind. Wir haben einfach sehr gute Erfahrungen damit gemacht.»
Da bildet Manzambis rasanter Aufstieg eine Ausnahme. Nach einem halben Jahr in der U19 und einem weiteren in der U23 durfte er die Vorbereitung in der Saison 2024/25 bei den Profis bestreiten. Dort konnte er sich sofort beweisen, sodass ihn die Trainer halten wollten. «Es ist oft so, dass die Jungs noch in eine sportliche Delle kommen», sagt Steiert. «Die kam bei ihm nie so richtig.»
Hohe Qualität im Übergangsbereich
Zentral in der Entwicklungsphase sind beim SC Freiburg die Verbindungstrainer – das deutsche Äquivalent zum Talentmanager. Ihre Aufgabe ist es, die besten Spieler eng zu begleiten, sie weiterzuentwickeln und an die nächste Stufe heranzuführen. Eine interessante Randnotiz dazu: Johannes Flum, der als Bindeglied zwischen der U23 und der 1. Mannschaft fungiert, hat beim SFV die Ausbildung zum Talentmanager absolviert.
Ein weiteres Element im Übergangsbereich sind die Verbindungstrainings. Ein- bis zweimal pro Monat kommen dort die formstärksten Spieler der U17 und U19 zusammen. Wer in diesen Trainings, bei denen jeweils ein Profitrainer anwesend ist, überzeugt, empfiehlt sich für die U23. Das zeigt, wie kurz bei Freiburg die Wege zu den Profis sind.
Manzambi wird nicht der letzte Schweizer Freiburg-Star sein
Nachwuchsleiter Steiert betont: «Durchlässigkeit ist immer eine Vereinsarbeit.» Ohne Cheftrainer, der bereit ist, junge Spieler einzusetzen – und ohne eine Vereinsführung, die diese Vision mitträgt – sei eine gute Jugendarbeit wertlos. Mit Julian Schuster hat der SC einen Trainer, der die jahrelange Arbeit von Ex-Coach Christian Streich weiterführt und weiterhin auf Eigengewächse setzt.
So zum Beispiel Manzambi. Der 20-Jährige ist der erste Schweizer Nachwuchsspieler, der bei Freiburg den Durchbruch geschafft hat. Führen die Breisgauer, anders als die Schweizer Vereine, ihre Nachwuchsförderung konsequent weiter, wird er aber nicht der Letzte sein.
Teil III: So funktioniert das Freiburger Scouting in der Schweiz
Auf den Schweizer Fussballplätzen sind immer mehr Scouts anzutreffen, die in zunehmend jüngeren Altersklassen unterwegs sind. Dass in Freiburg so viele Schweizer Talente anheuern, ist natürlich primär auf das Breisgauer Scouting zurückzuführen.
Zwei Funktionäre des SC sind direkt darin involviert: Christoph Wetzel-Veilandics, Leiter Nachwuchsscouting, und Andreas Steiert, Leiter Fussballschule (U12 bis U23) und Nachwuchsleistungszentrum. Im Interview erklären sie, weshalb der Fokus beim Scouting auf Schweizern liegt, wie man beim Scouting vorgeht, wieso Manzambis Verpflichtung besonders war und wie die Beziehung zu den Vereinen ist, von denen man die Talente abluchst.

In den letzten sieben Jahren hat der SC Freiburg mehr als zehn Schweizer Talente verpflichtet. Weshalb konzentriert man sich auf die Schweiz?
Christoph Wetzel-Veilandics: Mit Federico Valente und Thomas Stamm hatten wir zwei Schweizer Trainer, die sich im Schweizer Markt gut auskannten und Kontakte hatten. So hat es angefangen. Hinzu kommt die geografische Nähe zur Schweiz: Die Spieler sind schnell zu Hause und die Eltern sind schnell hier in Freiburg. Das macht auch das Einleben einfacher.
Andreas Steiert: Es hört sich komisch an, aber für mich ist es kein internationaler, sondern fast ein regionaler Transfer. Der Deutschschweizer ist uns kulturell näher als der Berliner.
Was sind die Kernkriterien, auf die Sie bei der Rekrutierung von Spielern besonders achten?
Wetzel-Veilandics: Da gibt es die klassischen Kriterien wie Technik, Tempo oder Physis. Ein wichtiger Punkt ist aber der Charakter. Wenn wir einen Spieler zum Gespräch einladen, sind wir der Überzeugung, dass er zu uns passt. Das heisst, wir haben ihn vorher schon auf dem Platz gesehen.
Wie wichtig ist das Live-Scouting im Jugendbereich?
Wetzel-Veilandics: Sehr wichtig. So sieht man, wie sich ein Spieler verhält, wenn er zum Beispiel mal ausgewechselt wird.
Wie lange beobachten Sie einen Spieler, bevor Sie ihn zum Gespräch einladen?
Wetzel-Veilandics: Das ist unterschiedlich. Manche Spieler beobachten wir ein bis anderthalb Jahre. Bei Johan (Anm. d. Red.: Johan Manzambi) muss ich zugeben, dass das ein relativ schneller Prozess war.
Weshalb?
Wetzel-Veilandics: Das war ein Wintertransfer. Es war nicht mehr möglich, ihn live zu sehen. Ich habe aber fünf Spiele von ihm auf Video geschaut und er hatte einige Schlüsselqualifikationen, wo ich mir dachte: «Wow, der ist besonders.»
Welche Kriterien waren das?
Wetzel-Veilandics: Das offensive Eins-gegen-Eins, die besonderen Bewegungen und eine gewisse Gier, Zweikämpfe in beide Richtungen zu führen.
Wie gehen Sie beim Scouting in der Schweiz vor?
Wetzel-Veilandics: Im Jugendbereich sind wir zu dritt. Wir sind pro Monat etwa zwei bis drei Mal in der Schweiz und wechseln uns dafür ab. Wir haben keine zusätzlichen Schweizer Scouts, die auf Mandatsbasis für uns arbeiten. Das Scouting in der Schweiz machen nur wir. Dort schauen wir uns Spiele der U-Mannschaften der Vereine und der Schweizer Auswahl an.
Was ist das Einzugsgebiet des SC Freiburg?
Wetzel-Veilandics: Die komplette Schweiz. Dass wir Spieler aus der Westschweiz verpflichten, ist allerdings relativ neu. Dort ist die sprachliche Hürde eine Herausforderung. Und da wir einen grossen Wert darauf legen, dass die Spieler hier ihre Ausbildung fortsetzen, ist die Sprache ein wichtiger Faktor. Johan ist das Paradebeispiel, was das anbelangt. Er war extrem schnell im Deutschlernen. Mit seiner Erfahrung haben wir gesehen, dass es möglich ist, diese Hürde zu überwinden. Nun haben wir mit Théodore Pizarro einen weiteren Spieler aus der französischsprachigen Schweiz geholt.
Was auffällt: Vom FC Basel haben Sie keine Spieler verpflichtet, obwohl ein solcher Transfer aufgrund der geografischen Nähe am logischsten erscheint …
Steiert: In der Vergangenheit kam es einfach noch nicht vor, dass wir uns im Jugendbereich mit einem Top-Spieler so intensiv beschäftigt haben, dass wir ihn verpflichten wollten.
Wird sich das künftig ändern, also werden Sie Talente des FC Basel genauer unter die Lupe nehmen?
Steiert: Wir haben bisher auch, wie der FC Basel sicherlich bei uns, Entwicklungen von Einzelspielern verfolgt. Daran wird sich auch in der Zukunft nichts ändern.
Die Strategie von Freiburg ist folgende: Sobald ein Spieler 16 wird und ins Ausland wechseln darf, sind Sie zur Stelle, bevor er bei seinem Verein einen Profivertrag unterschreibt. So müssen Sie dem Verein zwar eine Ausbildungsentschädigung zahlen, aber keine zusätzliche Transfersumme.
Steiert: Ja. Es gab aber auch Fälle, in denen Spieler bereits vertraglich gebunden waren. Bei Johan und Mladen (Anm. d. Red.: Mladen Mijajlovic) war es aber schon so, dass wir die Situation ausgenutzt haben, dass sie in der Schweiz ohne Vertrag waren.
Das sagt der FC Aarau zum Mijajlovic-Transfer
Der FC Aarau hat Mijajlovic bereits im Herbst 2024, ein halbes Jahr vor seinem Wechsel zu Freiburg, einen Profivertrag angeboten, sagt Nachwuchsleiter Frédéric Page. «Wir sind aber auch Realisten. Da kommt ein Bundesligaverein. Dann wäre es realitätsfremd, dass er hier bleibt.» Er bestätigt Steierts Einschätzung: «Am Schluss ist das mit dem SC Freiburg sehr transparent über die Bühne gegangen.»
Die Schweizer Vereine sind also zu zögerlich?
Steiert: Jeder Schweizer Verein hat ab einem gewissen Alter die Chance, seinen Spielern Verträge zu geben, Entwicklungspläne aufzuzeigen und sie vom eigenen Weg zu überzeugen. Ich möchte ihnen keineswegs unterstellen, dass sie das nicht machen. Aber wenn wir Interesse an einem Spieler haben, versuchen wir natürlich alles in die Waagschale zu werfen. In den letzten zehn Jahren sind 75 Spieler von uns im Profibereich gelandet.
Wetzel-Veilandics: Diese Durchlässigkeit ist natürlich ein Argument bei jungen Spielern, Eltern oder Beratern. Es gibt viele Vereine, die sagen, sie bauen auf die Jugend, aber das sind oft Floskeln. Wir können es nachweisen.
Erzählen Sie mir mal über den Ablauf eines typischen Transfers im Nachwuchsbereich. Über wen läuft der Erstkontakt, wenn Sie an einem Spieler interessiert sind?
Wetzel-Veilandics: Es gibt unterschiedliche Wege, Kontakt zum Spieler aufzunehmen. Dies kann über den Berater, die Eltern oder den abgebenden Verein direkt geschehen.
Wie geht der SC Freiburg im Vergleich zu anderen Vereinen beim Scouting vor?
Steiert: Ich habe nicht den genauen Einblick, wie andere Vereine im Scouting arbeiten. Viele Vereine sind vielleicht etwas früher dran, Spieler aus ihrem Umfeld wegzuholen. Wir versuchen möglichst lange regional zu scouten und unseren Radius erst im Leistungsbereich zu erweitern.
Wie würden Sie denn Ihre Beziehung zu den Schweizer Vereinen beschreiben? Diese dürften über die ablösefreien Abgänge ihrer Talente nicht allzu erfreut sein…
Steiert: Im Grossen und Ganzen pflegen wir ein gutes und respektvolles Verhältnis. Natürlich freuen sie sich nicht, wenn wir ihre Talente abwerben. Die Schweiz hat aber das realistische Selbstverständnis, dass die Super League nicht mit der Bundesliga gleichzusetzen ist. Wir kriegen auch ab und zu die Rückmeldung, dass wenn ein Spieler ins Ausland wechselt, dann lieber zu uns. Diesen Ruf haben wir uns erarbeitet. Dass wir nicht einfach alles zusammenkaufen, sondern dass wir uns mit einzelnen Spielern beschäftigen. Ich glaube, das wird in der Schweiz geschätzt.
Das sagen die Schweizer Vereine über den SC Freiburg
Beim FC Aarau heisst es: Die Beziehung und der Austausch seien «sehr gut». Auch für die Breisgauer Transferpolitik gibt es einen Daumen hoch: «Ihre Herangehensweise ist transparent. Und sie machen Transfers in der Jugend, die für sie Sinn machen. Sie haben einen Plan für die Spieler. Mit ihrer ganzen Historie wird das irgendwann vertrauenswürdig», sagt Nachwuchschef Page.
Auch der FC Basel spricht von einer «positiven» Beziehung. «Der Umgang ist sehr respektvoll. Wir sind in einer gesunden Konkurrenzsituation», sagt Nachwuchschef Timo Jankowski. Dass künftig auch FCB-Spieler zu Freiburg abspringen, davor fürchtet man sich nicht. «Wir organisieren im Jugendbereich immer wieder Testspiele gegen Freiburg. Gerade durch den Direktvergleich können wir selbstbewusst sagen, dass wir eine gute Nachwuchsarbeit leisten. Die Chancen sind deshalb relativ gering, dass jemand zu Freiburg wechselt», sagt Jankowski.
Letzte Frage: Was sagen Sie zur Nachwuchsausbildung in der Schweiz?
Steiert: Die Schweizer Spieler sind vor allem im technischen und individualtaktischen Bereich gut ausgebildet.
Wetzel-Veilandics: Wir haben extrem viel Respekt für die Arbeit, die in der Schweiz im Jugendbereich gemacht wird. Das hat bei uns ein hohes Ansehen. Sonst wären wir nicht so viel in der Schweiz unterwegs.
Teile diesen Beitrag:
Dieser Beitrag gehört zur Diplomarbeit von Robin Walz am Institut für Journalismus und Kommunikation (MAZ) in Luzern. Die Originalversionen dieses Artikels wurden hier und hier veröffentlicht.







